| Urenkel der Nihilisten mit „Spieltrieb“ in Schwerin Wer an nichts mehr glaubt, nicht mal an sich selbst, dem wird alles gleichgültig. So wie Ada und Alev. Die beiden besuchen eine Privatschule. Im Wohlstand aufgewachsen, fehlt ihnen nichts. Nur der nötige Überlebenstrieb. Was bei Alev konsequent in Impotenz gipfelt. Nach Hobbys befragt, nennt er „Atheismus und leichte Drogen“, während er erzählt, wie schon der Vater am Brückenpfeiler endete, weil er sich nicht zwischen links und rechts entscheiden konnte. Und Ada? Liebt ihn. Obwohl sie gar nicht weiß, was das ist: Liebe! Die Scheidung ihrer Eltern steht bevor. Die Mutter ertränkt ihren Frust im Alkohol. Der Tochter will sie einen Hund kaufen, weil sie selbst nicht in der Lage ist, ihr Liebe zu schenken. Die Ausgangsposition in Juli Zehs Roman „Spieltrieb“ (2004) birgt Konfliktpotenzial zur Genüge. In Schwerin kommt der Stoff jetzt ins Theater.
Bernhard Studlar hat eine Bühnenfassung geschrieben, die am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg 2006 uraufgeführt und von Peter Kube fürs Mecklenburgische Staatstheater bearbeitet wurde. Endlich ein Roman, der im Theater funktioniert! Wie Nachkommen von Wedekind oder Musil muten diese Jugendlichen an. Die Orientierungslosigkeit der Jahrhundertwende hat sie eingeholt. Vor dem Gedankengut Nietzsches gibt es kein Entrinnen. Und als „Urenkel der Nihilisten“ bezeichnet Ada ihre verlorene Generation auch einmal selbst. Isa Weiß, die neu ist im Schweriner Ensemble. Sie spielt die Ada überzeugend als zwar gegen die Mutter (Brigitte Peters wunderbar wie gewohnt als lasziv saufende Alte) rebellierendes, sonst aber labiles junges Mädchen. Beinahe alles tut sie, um ihrem angebeteten Alev nahe zu sein. Den verkörpert Florian Anderer authentisch als perfide-unterkühlten Zocker in windig-weißem Rolli.
Die Handlung ist in eine heruntergekommene Turnhalle verlegt, auf deren Boden von Beginn an das Spielfeld eingezeichnet ist, auf dem sich die Tragödie abspielen wird. Um der trägen Langeweile zu entfliehen, heckt Alev seinen bitterbösen Plan aus. Ada soll ihren polnischen Sportlehrer Smutek (This Maag als vor sich selbst davonlaufender Allesversteher) verführen, um ihn anschließend mit heimlich gemachten Fotos zu erpressen. Ein schmutziges Spiel, das im Eklat endet. Der Humanismus des Lehrers ist der bösartigen Leere der Jugendlichen nicht gewachsen. Moral funktioniert nicht im moralfreien Raum.
von Welf Grombacher
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