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    Lob des Kapitalismus

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 09. Oktober 2009
    Mehr Infos zu: Lob des Kapitalismus



    Verdiente Applaus-Rendite

    Mit „Lob des Kapitalismus“ hat sich das Staatstheater Schwerin eine eigene Collage zur Weltfinanzkrise geklebt. Die Investitionen waren hoch: Zwei Regisseure, das gesamte Ensemble, die Ruine des Staatsbank-Gebäudes, haufenweise Säulenheilige der Geschichte, dazu ein paar Kunstwerke, Musik und Videoprojektionen. Es hat sich rentiert: Die Premiere am Mittwoch war großes Theater.

    Karl steht links. Marx ist die erste Figur, die dem Zuschauer in der Finanzkrisen-Collage „Lob des Kapitalismus“ begegnet. Im Museum. Wen man vom Sockel holen will, muss man erst mal hinaufstellen: Neben Marx (Sebastian Reusse) steht Marie Antoinette (Isa Weiß), Maria-Elisabeth Schaeffler (Brigitte Peters) und Robin Hood (Bernhard Meindl). Ein Zimmermann namens Jesus ist da, Ludwig Erhard auch, Adam Smith, Rosa Luxemburg, der Dalai Lama, ein Student namens Daniel Aurich (Sven Jenkel) und eine lautstarke Hartz-IV-Empfängerin (Bettina Schneider).

    Nach und nach heben alle an mit Reden, Klagen, Erklärungen. Es wird rasant im Museum. Wenn Christiane F. (Brit Claudia Dehler) derb vom Anschaffen berichtet, passt die Marxsche Analyse „Das Weib wird zur Ware“ gut.

    Finanzjongleur Mark Mobius (Florian Anderer) gibt martialische Anlagetipps: „Am besten kauft man, wenn Blut auf der Straße klebt.“ Junkie Christiane klagt über geizige Freier, die ohne Gummi wollen, Adam Smith (Jochen Fahr), Erfinder der Volkswirtschaft, kommentiert: „Persönliches Profitstreben entwickelt die Gesellschaft.“ Verona Pooth (Lucie Teisingerova), Ware ihrer selbst, redet mit leerem Gesicht viel, sagt wenig und erntet verdienten Szenenapplaus. Osama Bin Laden (Rüdiger Daas) stöhnt: „Ihr seid die schlimmste Zivilisation, seit es Menschen gibt“ und Adolf Hitler (Johann Zürner) bilanziert: „Die Wirtschaft kann die Folgen eines Fehlschlages gar nicht mehr aus eigener Kraft tragen.“ Und das ist erst der Anfang. „Lob des Kapitalismus“ ist kein zusammenhängendes Stück. In Gruppen schleust das in Schutzanzüge gekleidete „Krisenpersonal“ die Besucher durch acht Szenenbilder, von denen die Regisseure Peter Dehler und Markus Wünsch jeweils vier in den prachtvoll maroden Räumen der Staatsbank arrangiert haben. Es beginnt im „Käfig“ – This Maag als schwyzernder Vertreter der „eidgenössischen Bankenaufsicht“ versucht, drei „Exemplaren der Gattung Banker“ die Geldgier abzudressieren. Stromstöße helfen nicht, also setzt es für die Manager Eierwürfe. Im „Kabinett“ verpassen Verona, Christiane F. und Hartz-IV-Monika dem Publikum eine Neuinterpretation einer Horst-Köhler-Mutmachrede, geraten sich aber in die Haare über den Text: „Du hast da doch den Hitler reingeschmuggelt!“ Im „Restaurant“ kellt Ludwig Ehrhard (Klaus Bieligk), der mit dem Wirtschaftswunder-Rezept, Suppe aus. Charles Darwin (Andreas Lembcke) serviert dazu eine bittere Parodie auf die zahllosen „Gesund essen mit Hartz IV“-Ratgeber. „Was, Sie haben keine Erbse? Wer hat zwei?“ Ja, da löffelt man die Krisen-Suppe gerne aus. Ist auch nur Gutes drin. „Geflügelbrühe vom Wasserhahn“, kalauert der Erfinder des „Survival of the fittest.“. Als die Alarmtröte das Szenenende anzeigt, mahnt Darwin: „Löffel abgeben.“ In der „Zelle“ wird es apokalyptisch. Osama Bin Laden, Sterntaler (Jana Kühn) und Jesus (Hagen Ritschel) rezitieren aus der Offenbarung des Johannes vom Weltgericht, von Gier und Gut des Menschen, die nichts sein werden am Tag des Gerichts.

    Natürlich ist die Collage fragmentarisch. „Bildzeitungsstil“, nennt es ein Premierengast, „eine Meldung und jeder darf sich was denken, je nachdem, wie viel Vorkenntnisse er hat.“ Aber: Genau das ist der Reiz. Wer nur lachen will, darf das aus vollem Halse. Wer die Bedeutungsebenen entschlüsseln will, darf das auch. Im „Spiegelzimmer“ geht es beispielsweise im Stuhlkreis besinnlich zu. Karl Marx und Rosa Luxemburg (Anja Werner) legen esoterische Musik auf und bringen den Teilnehmern – Aktiv werden! – bei, einfach „Ja“ zu sagen. Zu sich, zur Krise als Chance. Auch Ohrenmassage hilft. Na, wenn eine Revolutionärin das sagt. An der Oberfläche ist das witzig. Darunter wird es bitter: Denn das Ja fordern die Motivationstrainer Karl und Rosa ebenso rigide ein wie die realkommunistischen Marx- und Luxemburg-Jünger die Unterwerfung unter ihre „wissenschaftliche“ Weltanschauung. Übrigens: Fast alle im Stuhlkreis sagten Ja. Es ist ein Kunstgriff von Dehler und Wünsch, dass die Rollen in den jeweils achtminütigen Szenen ja nicht nur mit Schauspielern besetzt sind, sondern mit von diesen Schauspielern gespielten Figuren. Im „Wandertheater“ treten Marie Antoinette als thailändische Prostituierte und Robin Hood – den die Maske auf Errol Flynn getrimmt hat – als Sextourist auf. Und im „Klassenraum“ doziert ausgerechnet Adam Smith als Lehrer für Staatsbürgerkunde über den „gesetzmäßigen Untergang des Kapitalismus“. Leider verheddert sich Albert Einstein (Peter Schneider) als Schüler völlig in Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.

    Und dann „Schlafsaal“, letzte Szene. Frau Schaeffler liest „Hans im Glück“, in dem diverse Deals einen Klumpen Gold zu einem Nichts und den Eigentümer arm, aber glücklich machen. John R. Carlsons vertonte Version von Brechts „Lob des Sozialismus“, ein Chor mit allen Darstellern und den Notenmappen als Video-Projektionsfläche, ist dann zum Schluss ein großer Kracher.

    Wie das ganze Stück. „Lob des Kapitalismus“ zeigt, wie Theater witzig und anspruchsvoll sein kann – und hautnah am Publikum. Der Beifall ist hoch verdient, sogar ein Kniefall wäre angebracht. Vor dem Ensemble, seiner Kreativität, dem perfektem Timing und der hohen Konzentration.. Nicht vor der Krise – der kann man nach diesem Abend aufrecht entgegentreten.

    von Philip Schröder

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