| In märchenbunter Schlichtheit
Die Schlossfestspiele Schwerin sind mit der "Zauberflöte" wieder eine Reise wert
Das macht den Reiz der Schlossfestspiele von Schwerin aus: Die Dramaturgie der Natur spielt hier eine entscheidende Rolle. Während die Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" gemächlich anhebt, dümpeln in der Ferne über dem See Reiher in der Luft. Doch kaum fällt sie ins Allegro, schießt ein kreischender Möwenschwarm über die Köpfe der Besucher hinweg, durchschneidet ein Kormoran den wolkenverhangenen Abendhimmel und wir sagen aus tiefem Herzen: Ja, so muss es sein. Wenn nun auch noch Petrus mitspielt und keinen Regen schickt, dann könnte es sehr schön werden.
Es wurde sehr schön im Alten Garten zu Schwerin. Die Eröffnung der 16. Schlossfestspiele ist in mehrfacher Hinsicht gelungen: Kein einziges Regentröpfchen fiel, und die Inszenierung von Arturo Gama erzählt in märchenbunter Schlichtheit von Prüfungen zweier sich liebender, am Ende sich glücklich findender Paare mit jungen Sängern, deren Stimmen aufhorchen lassen. Dass zum guten Schluss Feuerfontänen für magischen Zauber sorgen, ist Tradition. Feuerwerk muss sein.
Wie im vergangenen Jahr ist wieder die Sichtachse des szenischen Raums auf das Château gerichtet. Doch glüht es nicht wie anlässlich seines 150. Geburtstags. Es steht sozusagen um seiner selbst Willen da, ohne dass es in die Handlung einbezogen würde.
Als Schlüsselwerk des romantischen Historismus, dem die Jahrhunderte immer wieder stiltypische Merkmale einverleibt haben, verschwindet es mit zunehmender Dunkelheit aus dem Blickfeld. Zu diesem architektonischen Kompositum passen hervorragend Bühnenbild und Kostüme von Olaf Grambow und Bettina Lauer. Die in sanfte Gelb- und Ockertöne getauchte sehr sparsame, japanisch anmutende Szenerie mit kreisrunder Schräge, Treppen und zwei die Spielebene flankierenden Türmen, dazu Bäumchen und Wolkenimitate, wird wieder aufgenommen in den strengen weißen Kostümen der Eingeweihten um Sarastro ( Frank Blees singt ihn mit profundem Bass. Den tiefen Tönen bleibt er einiges schuldig) und den schwarzen der glatzköpfigen, mit Tätowierungen versehenen Sklaven des Monostatos (Christian Hees gestaltet ihn mit hellem Charaktertenor).
Andererseits aber tragen die drei Damen, Pamina und das Buffopaar Papageno und Papagena kühne farborgiastische Kreationen und Dreadlocks. Wenn etwa die in tiefes Blau gewandete Königin der Nacht Tamino ermutigt, ihre Tochter Pamina zu retten, "Oh zittre nicht, mein lieber Sohn", entfalten Helfer an Stäben ihre Schleppe zu einem gewaltigen, glitzernden Pfauenrad. Da geht bewunderndes Raunen durch die voll besetzten Reihen.
Regisseur Gama wählt eine Mischung aus puppenspielartigen Aktionen, naivem Erzählduktus, ironischen Auftritten - die fabelhaften drei Knaben sehen in ihrem weißen Flausch aus wie aus der Muppetshow - und einigermaßen realistischem Handeln. Begleitet von Geharnischten auf Pferden, mit Hunden und Tauben, die der pumuckelhafte Papageno freilässt.
Roman Grübner besitzt nicht nur einen geschmeidigen Bariton, er hat auch gewitztes Spieltemperament, das ihn zum Liebling der Inszenierung macht. Wir wünschten uns allerdings, die Szenerie möge zügiger ineinander greifen, damit keine Leerstellen entstehen. Weniger gedankentief als fantasievoll arbeitet Gama das Geschehen heraus, das Dirigentin Judith Kubitz mit durchsichtigem Klang der Mecklenburgischen Staatskapelle unterstützt: Pamina sehnt sich nach ihrer Liebe auf den ersten Blick; Katherina Müller singt sie mit leuchtendem Sopran, allerdings könnte sie spielfreudiger sein.
Raphael Pauß bewältigt den Tamino mit makelloser Tenorhöhe, und Hyon Lees Königin der Nacht feuert blitzende Koloraturen und Spitzentöne ab, mit kleinen Abweichungen nach unten, während Nicole Braunger bei der Metamorphose von der schrumpeligen Alten zur süßen Papagena sehr gefällt. Sehens- und hörenswert ist das alles mit seinen Choraufzügen und choreographierten Statistenmassen. Die Festspiele sind wieder eine Reise wert.
von Monika Nellissen
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